2. Mai 2016

Frühlingsschwirren

Der Frühling ist zurück! Im Frühling plane ich gern. Meine Kraft scheint unendlich. Doch dann ist sie schnell erschöpft. Es scheint, die Säfte müssen erst steigen, nach diesen langen kalten und dunklen Monaten. Aber ich plane und tüftle, träume und probiere. Den ganzen Tag könnte ich stricken und neue Garne testen. Die kleinen Puppendinge sind schnell fertig und eine gute Gelegenheit, neue Garnqualitäten und Muster auszuprobieren. Eigentlich sind es ja Maschenproben für größere Projekte, so sage ich mir.
 
Besonders fasziniert bin ich von kleinen Spinnereien und Garnmanufakturen, die sortenreine Wolle verarbeiten. Wundervolle Sachen gibt es da, zum Beispiel Titus von Baa Ram Ewe. Dieses Garn besteht aus Wensleydale Longwool, British Alpaka und Blueface Leicester und wird in einer kleinen Spinnerei in Yorkshire hergestellt. In der Nähe hat die Schwester meiner Großmutter gelebt - eine faszinierende Gegend mit vielen alten Gewerken.
 
Die Prozesse hinter dem Produkt 'Strickwolle' sind komplex und haben einen großen Einfluss auf das Garn und die Umwelt. Mich interessiert der Herstellungsprozess. Mehr und mehr hinterfrage ich harsche Verarbeitungsmethoden und suche nach ökologisch und verantwortungsbewusst hergestellten Alternativen. Ich mag auch die melierten, eher gedeckten Farben, die diesen Garnen oft eigen sind: staubiges Pink, Lavendeltöne, zartes Grün, rauchiges Blau. 
 
Ich habe einen 'neuen' Podcast gefunden: Mandarine's von Meldody Hoffman - so ruhig und langsam und wohltuend! Ihr zuzuhören ist, wie ein Plausch mit einer fernen Freundin. Und damit ich später - wenn ich einmal mehr Zeit haben werde - noch weiß, was heute alles in meinen Kopf herumschwirrt, schreibe ich Farbkombinationen und meine Erfahrungen mit den Garnen in mein Notizbuch. Das Schreiben darin ist mir inzwischen fast genauso sehr and Herz gewachsen, wie das Stricken.
 
Was strickt ihr denn dieses Frühjahr für euch selbst? Und habt ihr ein Lieblingsgarn? Oder einen Lieblings-Podcast? Und schreibt ihr Tagebuch?
 
Meine konkreteren Pläne:
Mütze für die Große, Quince & Co Tern, eigenes Muster
Sommerjacken für beide Mädchen, Geilsk , eigenes Muster
Puppenjacke für Liam, Lettlopi, eigenes Muster
Flaum? La Flor? Woolfever Jumper? Für mich???
 
Herzlichst, Lena
 

 
 
 




26. April 2016

Das Allerschönste

Abends, wenn ihre kleine Schwester grade eingeschlafen ist, lege ich mich für einen Moment zu meiner großen Tochter und wir plaudern und kichern. Es ist meist die einzige Zeit des Tages, die wir nur zu zweit miteinander verbringen. Diese Minuten sind ihr heilig. Und ganz gleich wie schwierig der Tag gewesen sein mag, unser gemeinsamer Moment verbindet uns jeden Abend tief. 
 
Kleine Geschichten und Nöte aus ihrem Alltag kommen an die Oberfläche und Fragen, die noch keinen Platz gefunden haben. Gerne fragt sie mich auch: 'Mama, was war heute das Allerschönste für Dich?' Und dann erzählt sie ihrerseits von ihren größten Freuden. Und immer wieder bin ich erstaunt über die Einfachheit ihres Glücks - der gefunden Stock mit gebogenen Spitze, so perfekt zum Malen im Sand, das Hinkepinke-Spiel mit mir, ein gemeinsame Abendessen, bei dem alle sehr gelacht haben, das Wasserfarbenmalen im Kindergarten, die neuen Zähne der Schwester.
 
Ihr Blick hilft mir, das Glück in den kleinen Alltagsdingen zu sehen: In der ruhigen Mittagsstunde, während Schnee(!) und Sturm ums Dach pfiffen, die Spülmaschine leise surrend ihre Arbeit tat und ich diesem noch namenlosen Puppenkind für meine Nichte zu langem Haar und Kleidung verhalf.
 
Herzlichst, Lena
 
waldorfpuppe, lange haare puppe
waldorfpuppe, lange haare puppewaldorfpuppe, lange haare puppe

verlinkt mit creadienstag

19. April 2016

Refugium

Als ich dreizehn war, hatte ich einen Babysitter-Job: Zwei kleine Jungs, Katzen, Hühner, Pferde, ein Garten und ein altes Haus gehörten zur Familie. Das Durcheinander, über welches meine Arbeitgeberin klagte, sah ich nicht. Ich fühle mich dort wohl. Das Haus war voll Leben - Bücher, Musikinstrumente, Freunde, Spielsachen, Essen aus dem Garten, Kinderlachen.... alles purzelte froh durcheinander. 
 
Aber es gab einen Raum, der war anders. Fast geheim. Fast verboten. Eine schmale Stiege führte vom oberen Stock weiter hinauf unter das Dach. Lange vermutete ich eine Abstellkammer dort oben. Nie sah ich jemanden hinauf gehen. Nie wurde der Raum erwähnt.
 
Schließlich fragte man mich, ob ich die Kinder einmal über Nacht hüten könne. Und zum allerersten Mal wurde ich die geheimnisvollen Stufen hinauf unters Dach geführt. Hinein in ein winziges Stübchen mit spitzzulaufenden Wänden, direkt unter dem Giebel gelegen. Es gab ein schmales Bett, ein Meditationskissen, ein niedriges Tischchen, einige Bücher, einige schöne Steine und einen kleinen frischen Wiesenblumenstrauß. Die Fenster in den Dachschrägen zeigten nur den Himmel.
 
Dieser kleine Raum war wie ein Nest ganz oben im Wipfel eines großen Baumes, wie der Ausguck im Mast eines geschäftigen Schiffes. Eine beruhigende, ja fast andächtige Stille ging von ihm aus. Ich betrat ein Refugium, ein kleines Heiligtum. Das bemerkte ich, ohne es zu verstehen.
 
Ich habe dort oben viele Male gut und ruhig geschlafen - während der Regen in Wellen um den First strich, während der Wind im Giebel pfiff, während die Sterne still auf mich herunter leuchteten und die Sonne früh den Himmel in rotes Leuchten tauchte. Dort gelang mir ein unaufgeregtes, einfaches zur Ruhe legen nach Tagen voller Leben und Lärm.
 
Nach diesem Raum sehne ich mich. Ein Rückzugsort - leer, still, der täglichen Unordnung entrückt. Ohne Kekskrümel, ohne Lego-Teile, ohne Wäschestapel, ohne Pfannkuchengeruch. Vielleicht können wir einen solchen Raum auch in uns selbst schaffen? Vielleicht können wir dort Klarheit und Ruhe einziehen lassen? Vielleicht bedarf es dazu nicht mehr, als ein paar Minuten auf der Yoga-Matte oder eines Spaziergangs (in den Boberger Dünen)? In meinem kleinen, heiligen Winkel jedenfalls, den ich mir eigens zum Stricken und Lesen eingerichtet hatte, steht zurzeit der Wäscheständer.
 
Ein neues Puppenmädchen schlüpft ganz langsam in unsere Frühlings-Welt. Heute hat sie flauschiges Haar bekommen. An meinem Bett liegt derzeit Christiane Kutiks 'Spielen macht Kinder stark'. Ich komme kaum über eine halbe Seite pro Abend hinaus. Der Frühling macht mich müde. Und woran tüftelt ihr?
 
Herzlichst, Lena
 



12. April 2016

Wilde Zeiten

Spring is here - the birch trees turned green over night and the girls are getting up with the birds. I feel tired but happy. We are riding our bicycles every day and explore the flea markets in the neighborhood. While the children paint the streets with chalk I'm busy knitting dolls cardigans. I finished the bubble hat and we love it. Everything seems green and pink. I'm reading the new book by Julie Zeh 'Unterleuten'. Is your spring slightly crazy too? - crazy in a good way!

Nun ist er doch eingetroffen, der Frühling! Über Nacht haben sich unsere Birken in kaum ahnbares Grün geworfen und die Kinder stehen seit einigen Tagen mit den Vögeln zusammen auf. Früheres Schlafenlegen meinerseits wäre eine gute Idee, doch kann ich mich abends nur schwer von meinen Freiheiten trennen. Und von Juli Zehs 'Unterleuten'
 
Die Frühlingsmütze ist fertig und wird geliebt - vom Kind und von mir. Überhaupt scheint mir alles hellgrün und rosa. Wir jagen auf den Nachbarschaftsflohmärkten, malen die Straßen bunt, fahren Rad ohne Mütze und essen Eis! Das Aufblühen der Natur und die machtvolle Rückkehr des Lichts öffnen die Sinne und gleichzeitig erschöpfen sie mich in ihren hiesigen Ausprägungen. Sinnvolle(re) Erzählungen und neue Bilder gibt es hier hoffentlich nächste Woche, wenn sich die Frühlings-Verrücktheit etwas gelegt haben mag. Erlebt ihr auch so wilde Zeiten? 
 
Herzlichst, Lena

Edit:
Mützenmuster Bubbles von Big Red Baloon (mit einigen Änderungen), Garn Tern von Quince & Co.
Strickjacken: Hand-me-down (klein) und auf dem Flohmarkt gefunden (groß).
Auf den Nadeln: Puppenjacke aus allerlei Garnresten.
Ausflug: Bis Buchenkamp mit der U-Bahn, dann zu Fuß durch den Wald bis zum Gut Wulfsdorf.





 
 
 
 
verlinkt mit creadienstag und maschenfein und yarnalong

5. April 2016

Texture

I'm a little crazy about all kinds of bubbles and popcorns and blackberries and little stars lately. Textured  stitches and patterns are my new knitting love. What are your favorite stitch patterns? Can you recommend more of these lovelies? And thank you so much for your kind emails and questions regarding my wellbeing: we are all happy and healthy! Life is just so colorful and busy I hardly find any time for thinking or writing. We've spent a sweet family time at the south eastern corner of Portugal and now are finally welcoming spring at this side of the world.

I'm reading 'Glückskind mit Vater' the new novel by Christoph Hein. It's not a comfortable or comforting read. As the story unfolds it gets more and more daunting how sometimes our life and biography is shaped or even haunted by the life and history of our forefathers and parents.

Hat pattern: After BigRedBalloon - with numerous alterations, popcorn pants - freestyle by myself, star-stitch after a video by Eliza.  

Ich bin grade ein wenig verrückt nach Strickmustern, die eine strukturierte Oberfläche ergeben - habt ihr da auch einige Lieblinge, die ihr empfehlen mögt? Wir sind hier ganz besonders entzückt von den Wellen und Sternchen. Angefangen hatte diese Vorliebe letztes Jahr mit der Popcorn-Hose. Vielleicht ist das meine Frühlingsmeise? Und danke für eure lieben und teils besorgten Nachfragen: Es geht uns gut und wir sind alle gesund und munter. Das pralle Leben allein verhindert mein Schreiben. Nach einer herrlichen Familienzeit in wilden Südwesten Portugals ist hier nun endlich der Frühling eingetroffen und treibt uns hinaus - immer nur hinaus!

Abends lese ich jeweils wenige Seiten von Christoph Heins neuem Roman 'Glückskind mit Vater'. Die Geschichte mäandert und zieht immer dunklere Kreise um den Protagonisten, dessen Leben und Biografie durch die Schuld, die sein Vater, ja die ganze Elterngeneration auf sich geladen haben, geformt wird.
 
Herzlichst, Lena 


8. März 2016

Verlust

Ich habe meinen Schal verloren. Den ganzen letzten Sommer hatte ich an ihm gestrickt. Vier Monate trug ich ihn täglich. Es fühlt sich an, als sei mir ein Stück meiner selbst abhanden gekommen. Weil der Verlust noch so frisch ist. Es macht mich traurig und zornig zugleich, dass ein anderer Mensch ihn innerhalb von fünf Minuten mitgenommen hat. Statt ihn liegen zu lassen. Oder ihn hoch zu legen, auf die Fahrradständer. Oder ihn im Laden gegenüber abzugeben. Nach nur wenigen Augenblicken bin ich zurück. Nichts. Oder hat jemand ihn gerettet? Ich hänge einen Zettel auf!

I've lost my beloved shawl which took me all summer to knit. I am devastated and very sad. My little daughter said 'but no one can steal our summer'. She is such a Buddhist teacher. I will put up a note and hope the person who found my shawl that holds so many memories of last summer will give it back! Have you lost something that was dear to you? Did you get it back?

Little Arvid is a very fair and angelic boy. He came into the world effortlessly and smiling. I can't stop wondering about the different personalities and individual 'births' of my dolls! His cardigan is made of plant dyed organic wool by hey mama wolf. It's not quite finished yet. I'm still reading 'The Year of the Runaways'.
 
Ich werde ihn vergessen. Verhältnismäßig bald. Vielleicht werde ich sogar einen neuen stricken. Irgendwann. Meine fünfjährige Tochter sagt "Mama, das war ein Räuber! Aber den Sommer, den kann uns keiner stehlen." Diese kleinen Lehrer! Was kann ich noch daraus lernen? Mehr für mich selbst zu nähen und zu stricken, damit nicht das Abhandenkommen eines der einzigen zwei Lieblingsstücke, die ich überhaupt je für mich selbst gefertigt habe, gleich so ein Loch reißt? Wie gut hätte ich dagegen eine der sieben Kindermützen hergeben können!
 
Habt ihr schon einmal etwas 'Wichtiges' (immerhin kann ich es schon wieder in Anführungszeichen setzen) verloren? Oder etwas zurückbekommen? Oder gefunden und es zurückgegeben?
 
Der kleine Arvid bereitet mir hingegen nur Freude. Er näht sich nahezu selbst - alles geht so leicht und zauberflink von der Hand, bei diesem durchsichtig-hellen Elfenjungen. Nur seine Haare kann ich nicht schneiden. So ergeht es mir auch stets beim ersten Haarschnitt meiner eigenen Kinder. Kennt ihr das?
 
Herzlichst,
Lena

Edit: Stellt euch mal vor, auf meinen Zettel hin, hat sich direkt der Schal-Retter gemeldet und ich habe meinen Sommer-Erinnerungs-Schal schon zurück!!! Also habe ich etwas ganz anderes gelernt: Einfach mal vorbehaltlos an das Gute in den Menschen glauben!

Imagine! The person who found my shawl gave me a call and I've got it back already! I should believe more strongly in the good of humankind!

puppenjunge waldorf
puppenjunge waldorf
puppenjunge waldorf
 
 

2. März 2016

Schlafen und Wachen



Sleep is being overrated. So I hear. Who sais so? Probably people who do get a decent amount. In my life sleep is crucial. My nerves, my happiness, my health, my creativity - everything seems to be fundamentally linked to sleep. I need about eight hours - which I never get. I just love the quietness and possibilities of my evenings too much. But at what costs? How do you deal with sleep deprivation?

I've finished the little shawl for my elder daughter (Quince & Co Tern and Malabrigo Sock) and swatching a bubble pattern for a hat. I love 'The Yaer of the Runaways' by Sunjeev Sahota and we are soaking up every little sun ray we can get - time for spring, please!!

Vor einigen Tagen hörte ich, Schlaf sei überbewertet.
 
Vielleicht von Menschen, die ausreichend davon bekommen?
Oder denjenigen, die schon nach fünf Stunden quicklebendig und munter sind - worum ich sie sehr beneide.
 
Bei mir hängt zu viel daran. Mein Schlaf entscheidet über meine Nervenstärke, mein Fähigkeit Glück zu empfinden, über meine Gesundheit, meine Kreativität, meine Lernfähigkeit. Dass ich zu den Vielschläfern gehöre, macht die Sache nicht einfacher. Unter neun Stunden pro Nacht bin ich unausgeschlafen. Derzeit schaffe ich sechs bis sieben. Ja, ich sollte früher ins Bett gehen. Aber ich will nicht. Ich liebe meinen Feierabend. Die Ruhe, die Ordnung und all die Dinge, zu denen ich erst Abends komme.
 
Doch die Kosten scheinen hoch.

Wäre es das größte Geschenk an mich selbst, einfach früher ins Bett zu gehen?
 
Im Schlaf lösen sich meine Fragen, habe ich die besten Ideen, träume ich Lösungen, regeneriert sich nicht nur mein Körper sondern auch mein Geist. Schlaf ist für mich so wichtig, wie das Nichts-tun. Ohne ihn, macht der ganze Rest keinen Sinn - und viel weniger Spaß.

Und im Grunde liebe ich den Schlaf - nur ich komme so wenig dazu.

Wie ist es bei euch?
 
Herzlichst,
Lena
 
P.S. Das Tuch für die Große ist fertig (Quince & Co Tern / Malabrigo Sock) und ich probiere an einem Bubble-Muster herum - eine Mütze für die Kleine? Derweil lese ich mit Vergnügen Sunjeeev Sahota: The Year of the Runaways und genieße jeden Sonnenstrahl, der sich zu und durchschlägt.